Arbeitsproben, Sepsis

Sepsis – die tödliche Gefahr

Blutvergiftungen fordern mehr Todesopfer pro Jahr als Darm- und Brustkrebs zusammen – auch, weil sie oft zu spät oder gar nicht erkannt werden

Sepsis – vielen besser bekannt als Blutvergiftung – ist eine lebensbedrohliche Erkrankung. Wird sie nicht früh erkannt und sofort behandelt, kann sie zum Schock, zum Versagen mehrerer Organe und zum Tode führen.
In Deutschland ist sie die dritthäufigste Todesursache nach Krebs und Herzinfarkt. Dennoch wird kaum eine Erkrankung so dramatisch unterschätzt wie die Sepsis.
Hohes Fieber, Schüttelfrost, niedriger Blutdruck und Atemnot:Solche Beschwerden können Zeichen eines grippalen Infekts sein, aber auch auf eine Sepsis hindeuten – und dann ist schnelles Handeln angesagt.
Denn die Sepsis ist weltweit eines der gefährlichsten Krankheitsbilder überhaupt und kann unbehandelt in wenigen Stunden lebenswichtige Organe schädigen und zu Kreislaufversagen führen. Die heimtückische Krankheit fordert inzwischen mehr Todesopfer pro Jahr als Darm- und Brustkrebs zusammen und ist die häufigste Todesursache bei Infektionen. Allein in Deutschland erkranken jedes Jahr 280 000 Menschen, etwa 67 000 sterben daran.
Die Zahl der Sepsisfälle hat hierzulande zwischen 2007 und 2013 um jährlich durchschnittlich 5,7 Prozent zugenommen. Sorge bereitet Experten vor allem die Zunahme von schweren Sepsis-Fällen.

Selbst Ärzte erkennen die Gefahr oft nicht

Obwohl sich unter den SepsisOpfern auch zahlreiche Prominente finden – wie „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein, Popsänger George Michael, Papst Johannes Paul II. oder Box-Legende Muhammad Ali – ist viel zu wenig bekannt, wie gefährlich die Erkrankung ist, wie man sie erkennen und was sie auslösen kann. Nach Angaben der Sepsis-Stiftung haben lediglich 62 Prozent der Deutschen schon einmal den Begriff Sepsis gehört, und im Vergleich zu anderen Krankheitsbildern wird ihr nach Ansicht vieler Experten nach wie vor zu wenig Beachtung geschenkt. Dabei handelt es sich bei ihr – genau wie bei einem Herzinfarkt oder Schlaganfall – um einen medizinischen Notfall.
Hinzu kommt, dass die Krankheitszeichen – besonders anfangs – oft denen eines schweren grippalen Infekts ähneln. Deshalb tun sich selbst Ärzte häufig schwer, sie richtig zuzuordnen. Denn ein eindeutiges Kriterium – wie beispielsweise das EKG beim Herzinfarkt – gibt es für die Sepsis nicht. Selbst der bekannte rote Strich auf dem Arm tritt nur bei wenigen Fälle auf und zeigt lediglich die Entzündung einer Lymphbahn an, die sich zu einer Sepsis entwickeln kann.

Warum Sepsis-Fälle immer häufiger werden
Einige Gründe für die Zunahme der Sepsisfälle in Deutschland:

  • Die Menschen werden immer älter – und mit zunehmendem Alter lässt auch die Schlagkraft des Immunsystems nach.
  • Die Zahl der Menschen, die durch schwere chronische Krankheiten wie etwa Diabetes oder die chronisch obstruktive Lungenkrankheit, kurz COPD, anfällig für Entzündungen sind, wächst.
  • Immer mehr Patienten werden mit Medikamenten behandelt, die das körpereigene Abwehrsystem schwächen – etwa mit Chemotherapeutika oder Cortison.
  • Die wachsende Zahl an resistenten Krankheitserregern, denen mit den vorhandenen Antibiotika nur schwer oder gar nicht mehr beizukommen ist, erschwert eine erfolgreiche Therapie.
  • Viele Sepsis-Tote wären vermeidbar

    So wird der Ernst der Lage oft viel zu spät erkannt. Mit jeder Stunde, die bis zum Beginn einer wirksamen Behandlung
    verstreicht, steigt jedoch das Sterberisiko um zwei Prozent an. Durch verbesserte Vorbeugung, Früherkennung und Therapie wären nach Angaben der SepsisStiftung in Deutschland pro Jahr immerhin 15000 bis 20000 Tote vermeidbar.
    „Deshalb ist es besonders wichtig, immer auch an die Möglichkeit einer Sepsis zu denken, insbesondere wenn den Beschwerden eine Infektion vorangegangen ist“, betont Privatdozent Dr. med. Clemens Gießen-Jung, Oberarzt in der Notaufnahme am Klinikum Großhadern. „An unserem Klinikum führen wir deshalb regelmäßig Fortbildungen durch, um den Rettungsdienst für die heimtückische Erkrankung und ihre Symptome stärker zu sensibilisieren. Aber auch die Bevölkerung muss besser aufgeklärt werden.“
    Der Experte fordert: „Wenn der Blutdruck abfällt, der Betroffene schnell atmet, einen verwirrten Eindruck macht und über ein starkes Krankheitsgefühl klagt, sollten bei jedem die Alarmglocken läuten.“
    Weitere Anzeichen für eine Sepsis können hohes Fieber, Schüttelfrost, Herzrasen und Atemnot sein. Wer unter den beschriebenen Symptomen leide, solle nicht zögern, sofort die Notrufnummer 112 zu wählen, rät der Internist. „Besser, wir stellen in der Notaufnahme dann doch nur einen ambulant behandelbaren Infekt fest, als Gefahr zu laufen, eine Sepsis nicht rechtzeitig zu entdecken“, betont Gießen-Jung nachdrücklich.

    Nahezu jede Infektion kann ein Auslöser sein

    Die gefährliche Krankheit geht immer von einer Infektion aus, meist ausgelöst durch Bakterien, seltener durch Viren, Pilze oder Parasiten.
    Die Krankheitserreger dringen über die Atemwege, Verdauungsorgane, Harnwege oder über Wunden in den Körper ein. Manchmal reicht schon ein einfacher Kratzer bei der Gartenarbeit, der sich anschließend entzündet.
    Viel häufiger geht die Gefahr jedoch von Infektionen im Inneren des Körpers aus, etwa von Harnwegsinfekten oder Gallenblasenentzündungen.
    Selbst ein vereiterter Zahn oder eine schwere Mandelentzündung können eine Sepsis auslösen. Mit Abstand am häufigsten entwickelt sie sich jedoch aus einer Lungenentzündung. Zwar sind Früh- und Neugeborene sowie Menschen im Alter von über 60 Jahren und immungeschwächte Personen besonders stark gefährdet. Doch grundsätzlich können sich auch völlig gesunde Personen eine Sepsis zuziehen.

    Das sind die Alarmzeichen
    Symptome, die auf eine Sepsis hindeuten können, sind:

  • Fieber (mehr als 38 Grad) oder Untertemperatur (unter 36 Grad)
  • Plötzliche Verwirrtheit
  • Erhöhter Puls
  • Niedriger Blutdruck
  • Beschleunigte Atmung
  • Die Erkrankten sehen außerdem häufig graufahl aus.
  • Ein Amoklauf des Immunsystems

    Anders als der häufig verwendete Begriff „Blutvergiftung“ suggeriert, entsteht eine Sepsis nicht allein durch die Anwesenheit von Krankheitserregern im Blut, sondern erst durch die komplexe und überschießende Reaktion des Immunsystems auf die Eindringlinge, welche das eigene Gewebe und die eigenen Organe schädigt. Normalerweise wird unsere angeborene Immunabwehr mit Krankheitserregern, die beispielsweise über eine Wunde oder die Lunge in unseren Körper eindringen und dort das Gewebe schädigen, gut fertig. Sie reagiert auf die feindliche Invasion mit einer Entzündung, um die Krankheitserreger einschließlich der von ihnen produzierten Gifte (Toxine) an Ort und Stelle zu eliminieren und so daran zu hindern, sich weiter auszubreiten.
    Bei einer Sepsis gelingt es den Erregern und ihren Giften jedoch, den ursprünglichen Krankheitsherd zu verlassen und sich über das Lymph- und Blutgefäßsystem in allen Organen zu verteilen und dort explosionsartig zu vermehren. Die körpereigene Abwehr schlägt nun Großalarm und reagiert auf die Masse an Angreifern mit einer Entzündung im ganzen Körper.
    Das heißt, das Immunsystem geht zum totalen Gegenangriff über und überschwemmt den Körper mit Immun- und Fresszellen, Botenstoffen und bakterienabtötenden Substanzen. Diese vernichten alles, was ihnen körperfremd und potenziell bedrohlich erscheint. Die Abwehrtruppen des außer Kontrolle geratenen Immunsystems schädigen allerdings nicht mehr nur die Krankheitserreger, sondern auch die Blutgefäße. Die Blutgerinnung gerät außer Kontrolle und Blutgerinnsel (Thromben) verstopfen kleinere Gefäße. Kreislauf und Blutgerinnung brechen zusammen, Herz, Lunge und Nieren werden nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt und zunehmend in Mitleidenschaft gezogen.
    Wird jetzt nicht rasch gehandelt, versagt ein lebenswichtiges Organ nach dem anderen seinen Dienst, bis schließlich auch der Kreislauf zusammenbricht. Es kommt zum septischen Schock.

    Durch Impfungen vorbeugen

    Ob aus einer lokal begrenzten Infektion eine Sepsis entsteht und wie diese verläuft, hängt nach Angaben von GießenJung von der Menge und der Aggressivität der Erreger ab, die der Betroffene aufgenommen hat, aber auch von dessen persönlicher Disposition. „Da spielen neben dem aktuellen Zustand des Immunsystems auch genetische Faktoren eine Rolle“, erklärt er. Den besten Schutz stellen seiner Ansicht nach Impfungen dar, insbesondere gegen Pneumokokken.
    Gießen-Jung rät vor allem Menschen mit chronischen Erkrankungen und einem erhöhten Risiko für Infektionen wie etwa Diabetikern, Personen mit chronischen Lungenerkrankungen, Dialysepatienten und Patienten nach Chemotherapien, sich an die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) zu halten und gerade im Herbst mit dem Hausarzt zu überlegen, welche Impfungen sinnvoll sein könnten.

    So früh wie möglich Antibiotika

    Sobald ein Sepsis-Patient in die Klinik kommt, beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Denn die Ärzte müssen nun versuchen, die Keime im Blut mit Hilfe eines Antibiotikums, manchmal auch durch eine zusätzliche operative Behandlung des Infektionsherdes, in den Griff zu bekommen. Je schneller dies gelingt, desto höher sind die Überlebenschancen des Betroffenen.
    Zunächst geben die Ärzte ein sogenanntes Breitbandantibiotikum, das gegen ein breites Spektrum an Erregern wirkt. Um den Auslöser für die Sepsis schnellstmöglich zu identifizieren, wird dem Patienten zuvor Blut abgenommen und im Labor untersucht.
    Sobald der Auslöser für die Infektion gefunden ist, können die Ärzte die Therapie dann auf ein Antibiotikum umstellen, das diesen Erreger eventuell noch gezielter bekämpft.
    Außerdem sind meist unterstützende Maßnahmen notwendig. Wenn etwa die Lunge und das Herz-Kreislauf-System nicht mehr richtig funktionieren, lässt sich die Sauerstoffversorgung des Körpers mit künstlicher Beatmung und Infusionen sicherstellen. Die Funktion ausgefallener Nieren kann notfalls mit vorübergehender Dialyse ersetzt werden.