Arbeitsproben, Tinnitus

Lästiges Dauerkonzert im Ohr

Knapp drei Millionen Menschen in Deutschland hören nach Angaben der Deutschen Tinnitus-Liga dauerhaft ein Pfeifen, Klingeln, Rauschen oder Summen ohne dass ein akustischer Reiz vorhanden ist. Sie leiden unter einem chronischen Tinnitus. Wie stark dieses Phänomen die Betroffenen belastet und was sie dagegen tun können, ist von Fall zu Fall verschieden.

„Willkommen im Club.“ Das war sein erster Gedanke, als Olaf S. eines Morgens kurz vor Weihnachten 2016 mit einem sehr hohen Dauerton im Ohr aufwachte. Es erinnerte den Journalisten an das hochfrequente Piepen, das der altersschwache Röhrenfernseher aus seiner Kindheit, beim Ausschalten von sich gab. In Deutschland erleben etwa zehn Millionen Menschen pro Jahr erstmals einen Tinnitus. Brummen, Piepen, Summen oder Rauschen für jeden klingt der Ton anders. Den unterschiedlichen Geräuschen ist allerdings eines gemein, bis auf seltene Ausnahmen hört sie nur der Betroffene selbst. Wenn er Glück hat, handelt es sich um einen akuten Tinnitus, das bedeutet, dass das Rumoren im Ohr innerhalb von drei Monaten durch Behandlungen der Ursache oder von alleine wieder vollständig verschwindet. Bei Olaf S. dauert er hingegen bis heute an und ist somit chronisch.

Das Geräusch entsteht im Gehirn

„Wir sind lange davon ausgegangen, dass der Tinnitus im Ohr entsteht“, so Dr. Veronika Vielsmeier vom Tinnituszentrum der Universität Regensburg. „Inzwischen wissen wir aber, dass die Ohrgeräusche auf einer veränderten Aktivität in den Hörarealen des Gehirns beruhen“, erklärt die Medizinerin.

„Das muss man sich so ähnlich vorstellen, wie die Phantomschmerzen nach einer Amputation“

Oft entsteht ein chronischer Tinnitus, weil die feinen Sinneszellen der Hörschnecke im Innenohr überreizt oder beschädigt sind, etwa durch beruflichen Dauerlärm oder durch ein Knalltrauma. Das Gehirn bekommt dadurch nicht mehr so viele Informationen wie gewohnt. Man geht heute davon aus, dass die Nervenzellen im Hörzentrum des Gehirns dieses Defizit auszugleichen versuchen, indem sie die Geräusche hochregulieren. „Das muss man sich so ähnlich vorstellen, wie die Phantomschmerzen nach einer Amputation“, verdeutlicht Vielsmeier. In dem Moment, in dem die Betroffenen das Tinnitus-Signal mit der Angst verknüpfen, dass es dauerhaft bleiben könnte, richten sie ihre Aufmerksamkeit immer mehr darauf und nehmen es umso stärker wahr.

Auch Ohrenschmalz, eine chronische Mittelohrentzündung, ein geplatztes Trommelfell, die Knochenerkrankung Otosklerose, die Drehschwindelerkrankung Morbus Menière, Tumoren des Hörnervs, Probleme mit der Halswirbelsäule oder dem Kiefergelenk, Schwerhörigkeit, aber auch Medikamente wie bestimmte Antibiotika und Antidepressiva können die Wahrnehmung eines Tinnitus fördern. Wer unter Depressionen leidet ist ebenfalls gefährdet. Ebenso scheint Stress eine Rolle zu spielen.

Eine Menge Stress im Job hatte auch Olaf S. Einige Zeit bevor der Tinnitus auftrat, hatte er deshalb einen psychischen Zusammenbruch. Seither nimmt er ein Medikament gegen Depressionen ein. Bei etwa bis zu 45 Prozent der Betroffenen lässt sich allerdings keine eindeutige Ursache für den Tinnitus feststellen.

Hilfe zur Selbsthilfe – Deutsche Tinnitusliga
Die Deutsche Tinnitusliga ist die größte Organisation für und von Menschen, die von Tinnitus betroffen sind. Sie bietet Kontakt- und Austauschmöglichkeiten sowie Informationen rund um das Thema Tinnitus: www.tinnitus-liga.de

Lärm in der Seele

Einigen gelingt es, das ständige Orchester im Ohr weitgehend zu ignorieren. Mehr als die Hälfte der Betroffenen fühlt sich davon jedoch beeinträchtigt, manche so stark, dass sie daran verzweifeln. Sie können sich nicht mehr auf ihre Arbeit konzentrieren, leiden unter Schlafstörungen und entwickeln mitunter sogar Ängste und Depressionen. „Bei 10 bis 20 Prozent wird aus dem ständigen Lärm im Kopf schließlich ein Lärm in der der Seele“, weiß Dr. Thomas Zickler, niedergelassener Hals-Nasen-Ohrenarzt aus Pfungstadt.

Mit dem Tinnitus leben lernen

Ein Tinnitus ist kein Grund zur Panik. Ist das Rauschen im Ohr aber nach ein bis drei Tagen noch nicht verschwunden, ist es ratsam, einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt aufzusuchen. Bestehen weitere Symptome wie Hörverlust oder Schwindel gilt allerdings: sofort zum Arzt! In den ersten drei Monaten ist die Chance, die akustische Fehlwahrnehmung wieder loszuwerden am größten. Lassen sich keine organischen Ursachen finden, wird der akute Tinnitus in der Regel mit Infusionen durchblutungsfördernder Medikamente zusammen mit Kortison behandelt.

Doch auch wer den Tinnitus nicht wieder loswird, muss nicht verzweifeln. Denn der Umgang mit dem Rumoren im Ohr lässt sich lernen. Dabei kann etwa eine kognitive Verhaltenstherapie helfen. Mit Entspannungsverfahren wie Autogenem Training und Meditation lässt sich Stress abbauen und so das Dauergeräusch positiv beeinflussen.

Tinnitusmasker und Hörgeräte

Man kann auch versuchen, den Ohrgeräuschen mit speziellen Hörsystemen (Tinnitusmasker) beizukommen. Diese ähneln Hörgeräten, produzieren aber ein kontinuierliches Rauschen, das von den Ohrgeräuschen ablenkt beziehungsweise diese überdeckt. Sie können mit einer Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT) kombiniert werden, welche neben der Anpassung der Hörsysteme mehrere Beratungssitzungen umfasst. Besteht zusätzlich zum Tinnitus eine Schwerhörigkeit, helfen Hörgeräte. Ist die Hörfähigkeit wieder hergestellt, verschwindet der Tinnitus in vielen Fällen – oder nimmt zumindest ab. Gute Erfahrungen hat Zickler in seiner Praxis auch mit Ginkgo-biloba-Präparaten gemacht. Er setzt den Extrakt aus den Blättern des Baumes ein, um die Durchblutung und die Sauerstoffversorgung von kleinen Blutgefäßen im Innenohr zu verbessern.

Eigene Strategien entwickeln

Auch Olaf S. hat sich inzwischen mit seinem Tinnitus arrangiert. Selbstbeobachtung hat ihm dabei geholfen, seine eigenen Strategien zu entwickeln. Er versucht nun, nicht mehr ständig auf den Ton zu achten und zu horchen, ob er noch da ist. So gelingt es ihm manchmal über Stunden ihn völlig zu ignorieren. Absolute Stille meidet er. „Dann hört man den Ton umso intensiver“, weiß der Tinnitus-Geplagte. Er versucht außerdem Stress zu reduzieren, vermeidet stressfördernde Geräusche wie Baustellen oder Hauptverkehrsstraßen, unternimmt ausgedehnte Spaziergänge und konzentriert sich dabei auf die Naturgeräusche. Olaf S. jedenfalls glaubt fest daran, dass – mit etwas Glück – sein Tinnitus eines Tages wieder ganz verschwinden wird.

Erschienen in der Abentzeitung am 5. Mai 2017

Bildquellen

  • Pusteblume: Birgit